Spätestens seit Einführung der Studiengebühren macht die Kommerzialisierung gesellschaftlicher Bereiche kein Halt mehr vor so originären Aufgaben des Staates wie der Bildung. Die FH Wiesbaden gab jetzt bekannt, dass der bisher benannte Hörsaal N-E-1 ab sofort Aldi-Süd-Hörsaal heißen wird. Aldi Süd konnte als "Kooperationspartner" gewonnen werden und hilft der Hochschule mit einer "stattlichen Summe" für ein Werbeschild am Eingang des Hörsaals. Ähnliche Verträge mit anderen renommierten Unternehmen werden demnächst abgeschlossen, berichtet die Frankfurter Rundschau.
Einen Aldi-Süd-Hörsaal gibt es auch schon an der FH Würzburg, genauso wie einen Sparkassen-Hörsaal. Die Studenten der FH Nürnberg lernen in einem Staedler-Hörsaal und in Bremen hat das Kaffee-Unternehmen Jacobs die International University mit einer 200 Millionen Euro Spende vor der Insolvenz bewahrt - dafür heißt die Bildungseinrichtung jetzt Jacobs International University. (ZEIT online und ZEIT Campus)
War es in der Vergangenheit durchaus üblich, dass Unis und FHs in Form von Projektarbeit oder im technologisch-wissenschaftlichen Transferaustausch so genannte Drittmittel von Unternehmen beziehen zur Finanzierung ebensolcher Projekte, so ist das direkte Sponsoring mit Namensgebung von Einrichtungen eine neue Dimension.
Der Dekan der FH Wiesbaden beteuert in der Frankfurter Rundschau "Aldi kann in jedem Fall keinen inhaltlichen Einfluss ausüben." In diesem konkreten Fall mag dies sogar stimmen, auch wenn jeder, der ein bisschen politisch denkt, weiß "with money comes ties" (Geld bringt Bindungen mit sich).
Der Einfluss auf die Inhalte universitärer Bildung durch Industrie und Wirtschaft ist durch die Hintertür jedoch längst Realität. Die Hörsaal-Umbenennung ist ein äußeres Wesensmerkmal, die direkte Mitarbeit des Bertelsmann Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) an der Erarbeitung und Umsetzung des Hochschlufreiheitsgesetzes in NRW ist dagegen die direkte Verzahnung von Bildungspolitik und Wirtschaftsinteressen. In Hochschulräten oder universitären Aufsichtsräten dieser Republike sitzen längst Vorstandsvorsitzende diverser Unternehmen und nehmen ganz konkret Einfluss auf die Hochschulpolitik (nachdenkseiten, 15.03.2007).
Das Ziel ist, die Hochschulen und Universitäten in Unternehmen umzubauen und sie gegenseitig in einen "Wettbewerb" zu drängen, um so angeblich die Qualität zu erhöhen. In Wahrheit werden private Interessen gefördert, die Privatisierung der Hochschulbildung wird gefördert und gefordert.
Damit zieht sich der Staat immer mehr aus der Verantwortung im Bildungsbereich zurück, auch wenn die CDU in ihrem neuen Grundsatzprogramm das Gegenteil beteuert - die Politik der Volkspartei ist bisher eine andere. Mehr Eigenverantwortung und Freiheit für die Hochschulen wird gepredigt. Welche Freiheit und wem sie nutzt steht auf einem anderen Blatt; die Freiheit sich dieser Entwicklung zu entziehen, haben die Hochschulen auf Grund von Gesetzen in der Regel nicht...
Bildung ist ein Gut, keine WareBildung sollte ein Gut sein, dass die Gesellschaft dem Einzelnen kosten- und bedingungslos gewährt, damit er dann sein Wissen an die Gesellschaft wieder zurückgeben kann und so zur Produktivität und Prosperität der Gesellschaft beitragen kann sowie zur Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit. Das Prinzip der Chancengleichheit sollte dabei gewährleistet sein.
Bildung ist keine Ware, die ich kaufe und verkaufe wie mein Auto, meinen Kühlschrank oder meine Wohnung. Wenn der Staat das Feld den Unternehmen, Unternehmenstiftungen und ähnlichen Interessentengruppen aus Industrie und Wirtschaft überlässt, wird die Bildung zur Ware degradiert. Denn das sind keine Wohlfahrtsunternehmen, sie haben ganz bestimmte wirtschaftliche Interessen.
Wir müssen uns die Frage stellen: richten wir die Bildung unserer Kinder an den Anforderungen von Industrie und Wirtschaft aus oder vermitteln wir den Lernenden universale Werte, kritisches Denken und allgemeingültiges Wissen?
Die Entwicklung zeigt, dass zumindest im Hochschulbereich die Politik zu Ersterem tendiert - ist dies der Zwang kurzfristiger Sparpolitik oder Interessensverflechtung? Beides spielt vermutlich eine Rolle.
Traurig ist vor allem, dass dies wohl erst der Anfang ist. Zuerst wird symbolisch ein Hörsaal umbenannt, dann werden Lehrstühle finanziert und schließlich bestimmt der Zahlende die Lehre - eine Entwicklung die nur logisch erscheint. Beängstigend auch vor dem Hintergrund, dass diese Entwicklung vor den Hochschultüren nicht Halt machen wird, sondern in die Schulen und Kindergärten eindringen wird. So wie dies in Großbritannien schon der Fall ist.
In 10 oder 15 Jahren werden unsere Kinder dann vermutlich in den McDonalds-Kindergarten gehen, danach vielleicht in der Miele-Schule unterrichtet, um dann im Aldi-Süd-Hörsaal Betriebswirtschaft zu studieren. Die Kommerzialisierung, das Markenbewusstsein und der Konkurrenzdruck wird dadurch schon den Kleinen von der Kindergärtnerin mitgegeben, damit sie ideale Arbeitskraft und Konsument werden.
Und die Rausgekickten?
Was aber machen wir mit denen, die diesen Kampf nicht bestehen, die mit Burnout-Syndrom und Depressionen aus dem Aldi-Hörsaal und der Jacobs-Universität kommen. Stecken wir sie ins Altana-Reha-Zentrum oder in die Rhön-Klinik AG, um sie vielleicht doch noch fit für die Reservearmee der Arbeitslosen zu machen? Die Industrie und Wirtschaft ist an den durch Leistungsdruck Rausgekickten und kommerziell Ausgelutschten nicht interessiert, frei nach dem Motto "only the fittest will survive". Ihre Anzahl wird jedoch steigen und es wird sich zeigen, ob das Fünkchen Solidarität und soziale Verantwortung in den Köpfen der Verantwortlichen dann noch zu finden ist. Ein Umdenken muss stattfinden, denn die Individualisierung und Kommerzialisierung der Gesellschaft führt zweifellos in die Sackgasse. Auf die politische Umsetzung von Lippenbekenntnissen in Partei-Grundsatzprogramme kann man nicht hoffen. Das Umdenken muss in den Köpfen der Menschen beginnen.