Samstag, 21. Juni 2008
Im Fussball-Ausland: Die EM bewegt in England nichts
Stell' dir vor es ist Fussball-Europameisterschaft und Deutschland ist nicht dabei - Unvorstellbar!
Doch diesen Zustand erlebt zur Zeit England. Überall in Europa ist EM, nur nicht in England. Es ist schon ein Jammer: ein Volk, das mit zu den fussballverrücktesten zählt, feiert nicht mit. In ganz London gibt es kein Public Viewing, keine Fan-Devotionalien sind zu kaufen, niemand feiert auf den Straßen, keine Party am Trafalgar Square. Wenn man durch die Straßen der größten Metropole Westeuropas geht, fühlt es sich so an, als ob das Land mit der stärksten Fussballliga geradezu in einem Dauer-Lähmungszustand sich befindet. Wäre die EM in England, dann würden die Menschen in die Pubs strömen. Angeblich 50% - 75% mehr Umsatz könnten die Pub-Betreiber dann machen. Die Engländer, die in diesen Tagen Fussball schauen wollen, sitzen daheim vor dem Fernseher.
Bitterste Tiefpunkt englischer Fussballgeschichte
Für England war es "one of the lowest points in history of english football", also einer der bittersten Tiefpunkte in der englischen Fussballgeschichte. Es wurde ausgerechnet wieviele Milliarden der englischen Wirtschaft durch die Nicht-Teilnahme Englands verloren geht. Allein William Hill, das größte Sportwetten-Unternehmen Großbritanniens, hatte bei der EM 2004 mehr als 100 Mio. Pfund umgesetzt. Dieses Jahr wird dieser Betrag mit Sicherheit kleiner ausfallen. Auch weil ja Nordirland, Wales und Schottland sich ebenfalls nicht qualifizierten.
Die Gewinner sind Russland und Kroatien. England wurde in der Qualifikation nur Dritter hinter diesen beiden, nach einer 3:2 Niederlage gegen Kroatien in Wembley. Jetzt werden eben dort die entsprechenden Gelder umgesetzt. Das wir uns nicht falsch verstehen, wer solche Tore schießt, der hat es nicht verdient unter die besten 16 in Europa zu kommen. Zurecht sind Russland und Kroatien ins Viertelfinale eingezogen.
Als Ausländer im Fussball-Ausland
Aber wie hält man das als Ausländer, als Deutscher, aus? Schwer.
Die Pubs in London sind leer, der Vorteil ist: man muss nicht befürchten keinen Platz mehr zu bekommen, wenn man sich entschließt 1 Minute vor Spielanpfiff in ein Pub zu trödeln. Aber dafür wünschte man sich etwas mehr Atmosphäre. Wenn am Mittwoch nächster Woche die Fan-Meile in Berlin wieder eröffnet wird - endlich - und das Traumhalbfinale Deutschland-Türkei in der Stadt gefeiert wird, in der nirgendwo sonst mehr Türken und Deutsche nebeneinander wohnen, dann wünschte man sich, man lebte in London und England wäre dabei und es gäbe Public Viewing. Man wünschte sich, dass zumindest die von ARD und ZDF angebotetenen Internet-Live-Übertragungen sowie Vor- und Nachberichte nicht wegen rechtlichen Gründen aus dem Ausland nicht empfangbar sind. Man wünschte sich mehr deutsche Pubs.
Die deutschen Enklaven in London sind rar gesät und entweder völlig überfüllt oder es wird 10 Pfund Eintritt verlangt. Die 40.000 Deutschen in London verteilen sich auf die 5.000 Pubs und es kommt keine Stimmung auf.
England für Deutschland?
Nach dem Viertelfinalspiel Kroatien-Türkei konnte man neben den ständigen Sirenen der Krankenwagen tatsächlich, zum ersten Mal, hupende Autos mit türkischen Fahnen umher fahren sehen. Als Deutscher wagt man das hier nicht.
Man muss im Gespräch mit Engländern nur das Stichwort sagen und die Atmosphäre fällt auf den Gefrierpunkt. Der englische Sportkommentator hat sich sogar beim Spiel Kroatien-Türkei entschuldigt dafür, dass er England erwähnte: 'das war das letzte Mal für heute Abend, versprochen', meinte er kleinlaut. Die BBC und ITV übertragen die Spiele, Gott sei Dank! Auch im Internet. Aber mit minimalem Aufwand. 15 Minuten davor und danach wird kurz über das Spiel gesprochen. Und ich traute meinen Ohren kaum, als der englische Fussballkommentator mit Deutschland sympatisierte. "Deutschland wird die Türkei im Halbfinale besiegen", sagte da einer.
Vielleicht werde ich mal zum Trafalgar Square gehen. Beim Finale. Jubeln. Einfach so.
Freitag, 20. Juli 2007
Das neue Hobby: Zurückrudern
Rückruderin Nummer 1: Monika Piel.
Sie rudert zurück mit ihrer Forderung nach früheren Anfangszeiten für die Tagesthemen. Sie wolle lediglich eine feste, sprich einheitliche Anfangszeit.
Rückruderer Nummer 2: Wolfgang Schäuble.
Er rudert zurück mit seinen Äußerungen zur systematischen Erschießung von Terroristen und Terrorverdächtigen durch den Staat und mit noch 3 bis 17 anderen Äußerungen, die er zwischen Januar 2006 und jetzt gemacht hat.
Rückruderer Nummer 3: Patrik Sinkewitz.
Der fühlt sich völlig missverstanden und beteuert auf seiner Homepage, dass er nicht gedopt habe. Und außerdem sei es ja völlig unfair, dass ARD und ZDF die vorläufige Einstellung der Tour-Berichterstattung jetzt an ihm und seiner süßen A-Probe festmachen.
Rückruderer Nummer 4: Jan Ullrich.
Der rudert sowas von zurück: Der spricht erst wieder mit einem Medium, wenn dieses Medium ihn versteht. Nun ja....
Rückruderer Nummer 5: ARD und ZDF.
Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen erst ein paar Tage und eine weitere Doping-Probe braucht, um sich zum Abbruch der Tour-Berichterstattung zu entscheiden, ist nichts anderes als peinlich zurückgerudert. Denn dass plötzlich alle Fahrer der Tour 2007 sauber sind und sich die Angelegenheiten schon von selbst regeln werden, am besten wie durch magische Hand von den Sponsoren - tja, wer das glaubt, der glaubt auch, dass Helmut Schmidt auf seine alten Tage noch aufhört zu rauchen.
Rückruderin Nummer 6: Karin Wolff.
Die hessische Kultusministerin äußerte sich zu ihrer Ansicht, die christliche Schöpfungslehre müsste ebenfalls in den Schulunterricht mit aufgenommen werden, wieder etwas distanzierter. Die Medien hätten sie da falsch verstanden und so hohe Wellen hatte sie nicht schlagen wollen. Weil das alles nichts geholfen hat und die (hessischen) Medien nur noch weiter Hohn und Spott über sie ausgoßen, ruderte sie mit einem geschickten Gegenmanöver kurzfristig zurück und outete sich als lesbisch (was ja völlig in Ordnung geht, vor allem mit dem schreibblog - aber wie ist das mit der christlichen Schöpfungslehre zu vereinbaren? Homosexualität wird ja von den Hardcore-Katholen nicht gerade als gottgegeben anerkannt....)
Die taz untersucht in regelmäßigen Abständen, wer am Scheideweg steht, ich werde weiter beobachten, wer zurückrudert.
Sonntag, 3. Juni 2007
David Lama, das Kletter-Wunderkind
David Lama ist 16 Jahre alt, kommt aus Österreich und der neue Star im Sportklettern. Er gilt als weltweites Supertalent, wurde im Jahr 2006 Europameister in zwei Disziplinen, nämlich im Vorstieg und im Bouldern. Kein Athlet hatte das vorher in einem Jahr geschafft. Beim Vorstieg müssen die Sportler einen Parcours erklettern, wer am weitesten kommt, gewinnt. Beim Bouldern werden kleinere Hindernisse immer in Absprunghöhe erklettert, ohne Seilsicherung.
Dieses Video beeindruckt und zeigt ihn beim Vorstieg-Welt-Cup 2006 in Singapur (1.53 Min.)
David Lama ist das einzige Kind einer Innsbruckerin und eines nepalesischen Bergführers. Sein Talent wurde mit 6 Jahren entdeckt, durch Peter Habeler, der 1978 zusammen mit Reinhold Messner als erster Mensch den Mount Everest ohne Sauerstoffflasche bestieg. Die volle Unterstützung seiner Eltern und ihre Begeisterung für diesen Sport waren sicherlich Hauptvoraussetzungen für seinen Erfolg, da viele gute Klettergebiete große Reisen erfordern. Die Reisen zu Welt-Cups, an denen er seit letztem Jahr teilnehmen darf, finanzieren mittlerweile Sponsoren (das unselige Red Bull, z.B.). Er ist derzeit noch Schüler an einem Sportgymnasium in Innsbruck, sein Ziel ist jedoch von diesem Sport zukünftig zu leben.
Nach der Einschätzung, die man als Zuschauer haben kann und den Aussprüchen von Freunden, die zu Wort kommen, scheint er nicht nur das Klettern vom Vater, sondern auch die Aura seines Großvaters geerbt zu haben. Der war nämlich nepalesischer Lama, was soviel heißt wie 'spiritueller Lehrer'. Demnach machen ihn nicht nur die sportlichen Leistungen sympathisch, sondern auch seine Art diesen Sport zu leben, seine persönlichen Ansprüche und Ideale und man darf hoffen, dass er durch Erfolge im Sportklettern auch außerhalb Menschen bewegen wird.
Mein Tipp: Über das Klettern und David Lama - ein Portrait der ZDF-SportReportage
Donnerstag, 31. Mai 2007
Leichtathletik: die Saison hat begonnen
Und siehe da: die Deutschen sind top-fit! Im August findet die WM in Osaka statt.
Die überraschendste Meldung kommt vom Hochsprung. Eike Onnen, 24 Jahre alt, sprang am 20.05.2007 so hoch wie seit sechs Jahren kein Deutscher mehr, nämlich 2,34 m. Nur fünf Deutsche Männer sprangen jemals höher, der Deutsche Rekord liegt im Hochsprung bei 2,37 m (Carlo Thränhardt, 1984). Und der Rest der Welt sprang im Jahr 2007 ebenfalls noch nicht höher als Eike Onnen. Der versuchte sich an diesem Tag über 2,39 m und riss die Latte nur knapp. Die Hochsprungszene sieht einen Hoffnungsträger für die nächsten Jahre... mein Lesetipp: dieses Interview.
Am 26./27.5. war das Mehrkampfmeeting in Götzis (Österreich), bei dem vor allem die Deutschen Jennifer Öser im Siebenkampf und André Niklaus im Zehnkampf aufhorchen ließen. André Niklaus verbesserte seine persönliche Bestleistung nachdem er ein Jahr lang krank war und wurde Fünfter. Überraschend war, dass weder Weltrekordhalter Roman Sebrle noch der Weltmeister Bryan Clay gewannen, sondern der Weisrusse Andrei Krauchenko seine Bestleistung um über 600 Punkte steigerte. Das ist wahrhaft sensationell. Norman Müller wurde 7. und Pascal Behrenbruch 9. - diese drei schafften die WM-Norm.
Bei den Frauen wurde Jennifer Öser Dritte und verfehlte ihre Bestleistung nur knapp. Seit sechs Jahren hat die Schwedin Carolina Klüft keinen Siebenkampf mehr verloren, so überraschte es nicht, dass sie auch dieses Mal gewann. Vier weitere deutsche Starterinnen erreichten die WM-Norm, allerdings dürfen nur drei Deutsche in Osaka starten.
Auch die drei besten deutschen Hammerwerferinnen haben alle die geforderte WM-Norm geschafft. Allen voran Betty Heidler, deren jüngste Weite, 75,01 m, nur 1,5 m unter ihrem eigenen Deutschen Rekord liegt. Knapp eine Woche zuvor warf sie sogar vier Mal über die 75-Meter-Marke, was so früh in der Saison wirklich sehr erstaunlich ist.
Gleich im ersten Wettkampf des Jahres leistete auch die Europarekordhalterin (70,03 m) im Speerwurf, Christina Obergföll, meisterliches. Mit 66,57 m und 67,72 m warf sie schon mehr als zwei Meter weiter als die Zweitplatzierte Steffi Nerius. Im letzten Versuch legte sie dann den zweitbesten Wurf ihrer Karriere hin: 68,08 m.
Die Diskuswerferinnen Franka Dietzsch und Nadine Müller übertrafen ebenso die WM-Norm wie die Diskuswefer Robert Harting und Michael Möllenbeck. Im Kugelstoßen erreichten Petra Lammert und Ralf Bartels. Der Speerwerfer Mark Frank gelang dasselbe.
Die WM in Osaka kann kommen - 2009 findet dieses Ereignis übrigens in Deutschland statt, besser gesagt: Berlin.
Montag, 21. Mai 2007
Die Meisterfeier: Eindrücke
Es ist 13:15 Uhr als ich mich an der Säule des Königsbaus anlehne und beschließe hier bleiben zu wollen. Die "Großbildleinwand" ist schätzungsweise 300 Meter entfernt und viel zu klein. Aber immerhin - ich sehe etwas. Mindestens ein Drittel der anderen Menschen, die diesen Platz bevölkern, können das nicht von sich behaupten. Es sind jetzt noch zwei Stunden bis Spielbeginn.
Der Weg hierher war gar nicht so einfach. Im Parkhaus des Park & Ride - Parkplatzes habe ich vermutlich den einzigen illegalen und noch freien Parkplatz ergattert. Die S-Bahn war natürlich voll. Am Bahnhof angekommen, war ein durchkommen über die Königstraße zum Schlossplatz unmöglich, weil hier die Massen sich nur noch aneinander vorbei schoben - und das knapp drei Stunden vor Spielbeginn. Deshalb bin ich über eine Seitenstraße gegangen. Der innere Bereich des Platze wurde eingezäunt und über Einlasskontrollen kam man in den Genuss der freien Sicht auf die Leinwand, weil nach den Zäunen Bäume die Sicht versperrten - und Dixi-Toiletten. Die daneben stehende Bühne war sowieso kaum zu sehen, vom Ton ganz zu schweigen.
Das Mädel neben mir wartet auf ihren Freund, der Cappuccino besorgt. Sie hält die Stellung und regt sich auf, dass die Stadt eine solche Fehlplanung produziert hat. Die beiden werden später - wenn das Gedränge größer wird, eine halbe Stunde vor Anpfiff gehen. Noch hält man es aus, um 14.00 Uhr beginnt die "Show", eine schlechte Band spielt Cover-Lieder. Wenigstens versteht man was sie singen, im Gegensatz zur Moderatorin, die im hinteren Teil des Platzes praktisch ungehört bleibt. Inzwischen wird es voller, mehr Menschen drängen zu Plätzen, von denen aus man etwas sehen kann. Hinter mir gesellt sich eine Gruppe von vier Leuten dazu, die den Platz für gut befinden. Einer der Männer will im Kaufhof noch Stühle oder sowas kaufen - zum Draufstehen. Vor mir wird es voller, links neben mir ragt ein Stück Betonpfeiler heraus, auf den sich einige Menschen platzieren und manche sehen aus, als säßen sie seit Stunden dort. Knapp eine Stunde vor Spielbeginn kommt der Mann von der Gruppe hinter mir mit drei Trittleitern zurück, die optimal sind. Sie bestehen aus zwei Stufen, freie Sicht und sichern den Weg nach hinten ab. Mir genügt der ebene Boden.
Dann ist kurz vor Spielbeginn: Menschen drängeln sich durch die Massen, die so dicht stehen, dass nichts mehr geht. Weder ein vor noch ein zurück. Nur beim WM-Eröffnungsspiel letztes Jahr im Münchner Olympiapark habe ich mich noch eingezwängter gefühlt. Aber dieser Platz ist ca. 3 Mal so groß und hier sind bestimmt 5 Mal so viel Menschen wie damals. Manche Leute gehen weil sie die vielen Menschen nicht aushalten, vor mir steht jetzt eine Junge, sein Gesicht weiß wie eine Wand, er wird an beiden Händen gehalten, seine Füße lassen wie Gummistöcke nach, die Augen verdrehen sich nach oben, seine Hose wird naß. Die zwei Menschen können ihn nicht mehr halten, er sinkt zu Boden. Wasserflaschen werden gereicht, jemand neben mir brüllt nach einem Krankenwagen und nach Sanitäter. Ein, zwei Leute sind schnell da. Aber mehr als die Füße hoch halten, Wasser geben und gut zu sprechen, können auch die nicht machen. Sanitäter kommen nicht. Der Krankenwagen sollte noch öfter vorbei fahren - erstaunlich, dass der überhaupt durchkommt.
Das Spiel hat angefangen, der Junge liegt noch am Boden, ist aber wieder bei Bewusstsein. 'Wenigstens kann man jetzt gut sehen', denke ich, 'weil einige Menschen direkt vor mir sich ducken und zur Seite gehen.' Bald kann er aber wieder stehen und die drei ziehen rechts an mir vorbei und verabschieden sich nach hinten. 1:0 auf Schalke verkündet jemand rechts von mir, der tatsächlich einen Schalke-Schal an hat. Ist mir ein Rätsel warum der nicht das Schalke-Spiel guckt. Mit Sicherheit der einzige Schalke-Fan weit und breit. Das 2:0 fällt auf Schalke, aber meine Ruhe bleibt. Meine Zeit verbringe ich mich im minutenlangen-auf -Zehenspitzen-stehen - es gibt eben einige die größer sind als ich und zufällig alle genau vor mir stehen. Als das 0:1 für Cottbus fällt verzweifeln hinter mir die Frauen auf den den Trittleitern. Ich bin die Ruhe selbst, weil ich mir sooo sicher bin. Zehn Meter vor uns hebt jemand schon seit einiger Zeit immer wieder eine Plastikschale in die Luft, die unsere Sicht auf die Leinwand praktisch zur Gänze ausfüllt. Natürlich macht er das immer in den Momenten, in denen es spannend wird. Der neben mir schreit immer wieder "Schale runter", aber es ist aussichtslos - er hört nichts. Das 1:1 fällt und der Platz tobt, der Schalker verstummt und ich bekomme nicht wirklich viel davon mit, aber ich ahne dass der Ball drin ist.
Pause. Einige gehen. Einige drängeln sich raus und wieder rein, um Bier zu holen. Auf dem Pfeiler links neben mir fällt plötzlich ein Mann kopfüber auf den Boden. Der zweite Bewusstlose. Zum Glück sind die zwei von vorhin schnell wieder da. Wieder werden Wasserflaschen gereicht - aber niemand schreit Sanitäter. Die Ambulanz kommt mit Sirene direkt auf uns zu als der Mann gerade wieder steht, aber sie hält nicht an, sondern fährt direkt vor unserer Nase vorbei. Kurz danach fällt der Mann wieder um und bleibt etwas länger auf dem Boden sitzen.
Die zweite Halbzeit. Der Mann mit der Plastikschale ist verschwunden, dafür setzt jetzt jemand ungefähr in derselben Entfernung sein Kind auf die Schultern - super! Der Typ neben mir, der beid der Plastikschale geschrien hat, ist in der Halbzeit gegangen. Ich spare mir die Energie und tänzle auf Zehenspitzen herum, um am Kind vorbei zu schauen. Zum Ende hin wird die Sicht besser, das 2:1 kommt und ich sehe es wirklich gut. Grandios. Kurz danach murmelt der Schalker etwas von zwei zu eins, er hebt seinen Schal in die Höhe und die Menge um ihn herum singt "Schade Schalke alles ist vorbei". Kurz vor Spielende steigt die Stimmung und danach tobt wieder der ganze Platz. Nach dem Schlusspfiff leert sich der Platz etwas, wenn man das überhaupt sagen kann. Ich setze mich mal auf eine Bank, um nach 4 1/2 Stunden Power-Stehen wieder die Beine auszuruhen. Zwei Mädels neben mir erzählen mir, dass sie im Biergarten saßen, aber die Leinwand war so schlecht, dass man nichts gesehen hat, deshalb haben sie sich hinter die Leinwand gesetzt. Die eine fragt vorsichtshalber nochmal nach, als ich erzähle, dass ich tatsächlich das ganze Spiel gesehen habe.
Ich gehe in der Stadt spazieren, im Schlossgarten und merke jetzt erst das Ausmaß dieser Veranstaltung. Wie auf einem Volksfest - überall Menschen. Soviel Menschen hat diese Stadt noch nie gesehen. Am Bahnhof geht nichts mehr, die Autos kommen kaum durch, überall hupt es, die Fans liegen wie Sardellen auf den Wiesen. Einzig die Besucher des Staatstheaters wirken fremd - wer geht auch jetzt ins Theater? Ich ahne, dass der Autokorso wahrscheinlich doppelt so lange dauert wie geplant und beschließe zwei Stunden nach Ende des Spiels kurzerhand Heim zu fahren und den Autokorso im Fernsehen zu sehen. Es war ein guter Tag.
Donnerstag, 17. Mai 2007
VfB Stuttgart: Ein Verein platzt aus den Nähten
Nur noch einen Spieltag in der aktuellen Bundesligasaison. Der VfB Stuttgart ist Erster, hat zwei Punkte Vorsprung vor dem Zweiten. Seit der VfB Stuttgart letzten Samstag auf Tabellenplatz eins steht, ist eine ganze Region wie ein Flitzebogen angespannt. Die Spieler haben Interviewverbot weil "sie trainieren sollen". Am Donnerstag ist Feiertag, deshalb gibt es ein Geheimtraining - am Freitag ebenso. Zu viele Väter würden wohl mit ihren Kindern den Trainingsplatz bevölkern.
Schon seit Wochen wiederholen ehemalige Akteure des Vereins oder sogenannte Experten wie Lothar Matthäus, Felix Magath, Christoph Daum oder Guido Buchwald:
"Ich freue mich, am Sonnabend die Schale übergeben zu dürfen" - im ZDF-Sportstudio
gebetsmühlenartig, dass der VfB Meister wird. Einzig Oliver Kahn glaubt noch an einen Sieg für Schalke. Sämtliche Medien blasen in dasselbe Horn: fast ohne Rücksicht wird der VfB Stuttgart praktisch als Deutscher Meister bereits gefeiert ("...and the winner ist - Stuttgart"). Auf dem Schlossplatz in der Stuttgarter Innenstadt wird es nach einigem hin und her eine Großbildleinwand geben. Ein Benefizkonzert wurde deswegen abgesagt. 40.000 Menschen werden dort erwartet. Nach dem Spiel wird es ein Autokorso vom Stadion zum Rathaus geben - Empfang beim Ministerpräsidenten. Der SWR bietet ein Programm auf, die Fantastischen Vier spielen für umsonst! Das ZDF sendet das aktuelle Sportstudio live aus Stuttgart. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Vereins sagt:
Diese fantastische Entwicklung hat niemand ernsthaft erwarten oder gar vorhersehen können
Und auf Schalke? Während im Schwabenland eine ganze Region mitzittert, wird im Ruhrgebiet Pech und Schwefel über den FC Schalke 04 ausgeschüttet. Der Präsident des Vereins vergleicht die Stimmung gar mit dem Nahen Osten:
So etwas wie am Samstag, das hätte ich nie für möglich gehalten. So viel Hass und Häme. Wir regen uns über den Fanatismus im Nahen Osten auf, aber das gibt es leider auch hier in Deutschland bei einem gewöhnlichen Fußballspiel.
Beliebteste Betitelung ist in diesen Tagen "Rekordmeister der Herzen", sie werden als "zu ängstlich für die Hölle" bezeichnet. Und wie geht's aus? Gut hoffentlich. Marcelo Bordon, Spieler von Schalke, sagt (Quelle):
Wir haben die Meisterschaft schon mal in der letzten Minute verloren, vielleicht gewinnen wir sie ja dieses Mal in der letzten Minute.
Schwer zu glauben. Radio-Kommentator Manfred Breuckmann hatte direkt nach der Niederlage in Dortmund letzten Samstag zum gleichen Thema von sich gegeben: "Daran glaubt hier überhaupt niemand mehr". Nicht zu glauben was in Stuttgart und auf Schalke los wäre, würde der VfB am Ende gar doch nicht Meister. In der Dortmunder Kabine wurde gefeiert "wie nach dem Gewinn der Meisterschaft".
Ich hoffe ganz Stuttgart feiert am Samstag genau so!
Samstag, 12. Mai 2007
Kanadische Eishockeyspieler vs. Deutsche Zuschauer
Bei Wikipedia kann man z.B. lesen, dass in Deutschland nur 0,04% der Gesamtbevölkerung (32 800) vom Eishockey ihren Lebensunterhalt bestreiten. In Finnland ist diese Quote 30 Mal höher - einmal Kopfrechnen - richtig: 1,2%. Es gibt nur noch ein Land auf der Welt, in dem diese Quote noch höher ist: Kanada 1,76%. Aber sogar Österreich (0,1%) und die Schweiz (0,35%) liegen in dieser Statistik vor Deutschland. Das ist sicher auch der Grund weshalb in Deutschland so wenig Menschen Eishockey sich im Fernsehen anschauen. Oder ist es anders herum: es spielen so wenig Eishockey, weil es so wenig Fernsehzuschauer gibt? Es könnte noch einen dritten Grund geben, weshalb in Deutschland kaum jemand Eishockey im Fernsehen ansieht: weil es praktisch nicht gezeigt wird. Dabei spielte das deutsche Team... "Kanadische Eishockeyspieler vs. Deutsche Zuschauer" vollständig lesen


